Neu-Sein in Ratzeburg

Ist auf jeden Fall eine Erfahrung wert.

Ich brauchte eine ganze Weile, bis ich meinen damals 7-jährigen Sohn (der Gruppen über 3 Personen anstrengend findet) überredet hatte. Schließlich waren wir in letzten Herbst zum ersten Mal in der Familienfreizeit Ratzeburg. 5 Minuten nach Ankunft hatten sich seine Bedenken in Luft aufgelöst. Er tobte lärmend mit anderen Kindern über die Flure.

Die folgenden Vormittage  verbrachte er damit in seinem Kurs mit zugewandten Kursleitern Bauwerke aus Zahnstochern, Papier und Gummidrops zu erschaffen. Sie werden noch immer auf unserem Dachboden ausgestellt. Beeindruckend fand ich vor allem, dass in den Kursen immer die Fähigkeiten der einzelnen Kinder im Mittelpunkt standen und nicht ständig das Augenmerk auf deren „Problemen“ lag, wie es ihnen sonst so oft passiert.

Für mich verflog die Zeit in Gesprächen zu verschiedenen Themen im Gesprächskreis. Es war recht interessant, die Standpunkte der anderen Eltern zu hören und sich mit ihnen auszutauschen. Miteinander  über die Dinge zu reden, mit denen wir uns zu Hause so oft als Einzelkämpfer fühlen, und zusammen Lösungen zu suchen bot die Chance Situationen aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Allerdings  habe ich auch festgestellt, dass meine Sicht auf einige Dinge von anderen Eltern geteilt wurde – für mich durchaus eine neue Erfahrung. In diesen Gesprächen habe ich vor allem viel über mich selbst gelernt.

Besonders gefallen hat mir, dass unseren Kindern von allen Teilnehmern der Freizeit selbstständiges Denken und Handeln zugetraut wurde. So war es üblich den Kindern zu vertrauen, dass sie pünktlich zu den Mahlzeiten erschienen (mein Sohn sagt ich soll schreiben, dass das Essen gut war). Kein Kind ging verloren oder verhungerte. Die Kinder erschienen rechtzeitig in den Kursen.  Sie übernahmen das Zeitmanagement völlig alleine. Was mich letztendlich zu einer entspannteren und vielleicht auch ein bisschen weniger kritischen Haltung gegenüber meinem Kind geführt hat.
Die Nachmittage verbrachten wir in wechselnden Gruppenzusammensetzungen miteinander, ein Gefühl, dass viele von uns wahrscheinlich im Alltag doch manchmal vermissen.  In entspannten Runden wurden diverse selbstgebackene Kuchen und  Kekse der Vernichtung anheim geführt. Diese Runden boten Gelegenheit zum Reden über alles Mögliche. Zu meinem Erstaunen nutzten einige  Mütter die Zeit zum Stricken- ich hab´ nach Ratzeburg auch angefangen…

Als es vor einigen Wochen an unsere Urlaubsplanung ging sagte mein Sohn völlig selbstverständlich wir sollten wohl im Sommer nicht weg fahren, denn es würde ja reichen, wenn wir im Herbst in Ratzeburg wären…

Katrin Jorek, Ahrensburg 2012